Wenn Zucht zur Qual wird…

 

Schwere und schmerzhafte Deformierungen der Gelenke sind bei Masthähnchen und Puten an der Tagesordnung.

Den meisten Menschen erscheint ein Nackthuhn oder ein überdimensionales “Masthähnchen” “abartig”. Dies sind sie auch im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Mensch hat ihnen Merkmale angezüchtet, die nicht ihrer Art entsprechen und für die Tiere mit erheblichen Leiden verbunden sind. Sie werden bewusst durch die Zucht zu Krüppeln gemacht, weil manche Menschen diese Missbildungen als Schönheitsideale ansehen oder wie in der “Nutztier”zucht Missbildungen und Leiden der Tiere um des wirtschaftlichen Profits willen in Kauf nehmen. Wen interessiert es schon, dass das Masthähnchen so stark deformierte Beinchen hat, dass das arme Tier, wenn überhaupt, nur unter Schmerzen stehen kann. Seltsamerweise interessiert es aber auch viele “Tierfreunde” nicht, dass ihr Haustier – eigentlich ganz offensichtlich – zumindest unter körperlichen Beeinträchtigungen zu leiden hat.

Die Bandbreite von „Defektzuchten“ bis hin zu ”Qualzuchten” ist breit. Lesen Sie hier die Bemerkungen zu einem Spannungsfeld zwischen Tierschutz und Tierzucht von Dr.  Thomas Bartels. Die treibende Kraft in der Entwicklung der verschiedenen Haustierrassen ist ausschließlich der Mensch. Er wählt nach seinen  Vorstellungen einzelne Tiere aus, die ihm aufgrund ihrer Eigenschaften oder ihrer Fähigkeiten besonders attraktiv erscheinen und daher zur Weiterzucht eingesetzt werden.

Die Kriterien, nach denen diese Zuchtauslese vorgenommen wird, sind vielschichtig und werden insbesondere vom vorgesehenen “Nutzungszweck” (landwirtschaftliches “Nutz”Tier, Heim- und Gesellschaftstier, Labortier usw.) bestimmt. Innerhalb der einzelnen Haustierarten zeigte sich dabei eine enorme Vielfalt, die in vielen Fällen zur Rassebildungen genutzt wurde. Allerdings wurden dabei auch bewusst oder wider besseren Wissens Erbanlagen erhalten oder gefördert, die aus tierschützerischer Sicht abzulehnen sind. Grundsätzlich können verschiedene Gesichtspunkte dafür verantwortlich gemacht werden, dass Haustierzucht zur Defekt- bzw. Extremzucht wird.

• Das eigentliche Zuchtziel kann durch einen Erbfaktor bewirkt werden, der beim Tier selbst oder seinen  Nachkommen zu körperlichen Schäden oder Verhaltensstörungen führt.

• In anderen Fällen ist das Zuchtziel selbst unbedenklich, allerdings treten aufgrund genetischer Kopplungen Nebenwirkungen auf, die ihrerseits zu Schädigungen oder Funktionseinbussen führen, aber dennoch vom Züchter toleriert werden.

• Mitunter wird bei der Auswahl von Zuchttieren auch nicht mit der erforderlichen Sorgfalt darauf geachtet, dass die Zuchttiere frei von bekannten bzw. diagnostizierbaren Erbkrankheiten sind.

• Letztendlich können an und für sich unbedenkliche Merkmale durch ungeeignete Zuchtauswahl so übertrieben ausgebildet werden (sog. Übertypisierungen), dass die betroffenen Körperteile oder Organsysteme in ihrer Funktionsfähigkeit beeinträchtigt werden, wodurch Gesundheit und Lebensqualität der Tiere leiden.

Landwirtschaftliche “Nutz” Tiere

Bei der Zucht von landwirtschaftlichen Nutztieren wird das Zuchtziel über Leistungsparameter wie Milchmenge, tägliche Körpergewichtszunahme und Fleischansatz, Eizahl usw. definiert. Daneben spielen auch Gesundheit, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit eine Rolle als Auswahlkriterien. Träger von Erbkrankheiten und/oder erkrankungsfördernden Eigenschaften werden in der Regel nicht zur Zucht eingesetzt, es sei denn, man verspricht sich davon einen wirtschaftlichen Nutzen. Beispielhaft sollen einige solcher Fehlentwicklungen in der “Nutz”Tierzucht erwähnt werden. Einigen Fleischrindrassen hat eine zwar züchterisch erwünschte, jedoch in dieser Ausprägung als krankhaft zu bezeichnende Zunahme der Muskelmasse (“Doppellender”) massive Geburtsstörungen zur Folge. Die Geburt der bereits zu diesem Zeitpunkt übergroßen Kälber erfolgt in den meisten Fällen nicht mehr auf normalem Wege, sondern muss mittels Kaiserschnitt durchgeführt werden.
Der Verbraucherwunsch nach preiswertem, möglichst fettarmen Fleisches hat beim Schwein ebenfalls zu tierschutzrelevanten Zuchtausrichtungen geführt. So wird die Muskelfülle durch Erbanlagen verursacht, die gleichzeitig zu einer mangelhaften Ausprägung von Knochengerüst und inneren Organen führen können. Lahmheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhte Stressanfälligkeit sind direkte Folgen dieser Zuchtausrichtung und führen nach wie vor zu großen Tierverlusten.
Bei Masthühnern und Puten führen hohe tägliche Zuwachsraten und die Überbetonung der sog. “wertvollen” – weil vom Konsumenten geschätzten – Körperpartien, insbesondere der Brustmuskulatur, ebenfalls zu chronischen Leiden wie Gelenkschäden und Knochenverformungen und daraus resultierenden Lahmheiten.

Heim-, Hobby- und Gesellschaftstiere

An tierschutzrelevanten Zuchtausrichtungen fehlt es auch in der Heimtierzucht nicht. Gravierende Zuchtdefekte finden sich nicht nur bei Hund und Katze, sondern auch bei Kaninchen und Kleinnagern sowie bei Rassegeflügel, Ziervögeln und Zierfischen. Beispielhaft sei auf einige Fehlentwicklungen hingewiesen. So können Veränderungen in der Fellfärbung bei Hund (“Merle-Faktor”) und Katze (dominant-weiße Fellfärbung) zu Sinnesverlusten führen. Bei Hunden, Katzen und Kaninchen finden sich Zuchtformen mit ausgesprochen runden Köpfen, kurzen Schnauzen und großen, hervortretenden Kulleraugen, die von unbedarften Betrachtern als besonders niedlich empfunden werden. Dabei wird verkannt, dass solche Rassen zu Schwergeburten neigen, da die Jungtiere den Geburtskanal nicht ungehindert passieren können, was oft Kaiserschnitt-Entbindungen notwendig macht. Die Schnauzen- und Nasenverkürzung hat Atem- und Schluckbeschwerden zur Folge. Auch Kiefer- und Zahnfehlstellungen sowie Zahnverluste sind regelmäßig zu beobachten. Interessant ist auch die “Gewöhnung” bzw. die Akzeptanz von Züchtungen, die rasseeigene Krankheitsbilder entwickelt haben. Da nimmt es so mancher “Tierfreund” in Kauf, dass die Beine seines Hundes eigentlich zu kurz für den langen Körper sind und der Hund unter Rückenproblemen leidet (Basset), taub und stoffwechselkrank ist (Dalmatiner), schnauft und schnarcht (Bulldogge) oder ihm die Augen aus dem Kopf treten (Pekingese).
Bei Rassegeflügel und Ziervögeln führen ausgedehnte Federhauben zu Sichtbeeinträchtigungen. Mitunter bedingen solche Federhauben auch Schädel- und Gehirnveränderungen sowie weitere körperliche Missbildungen. Einige Zuchtformen des Kanarienvogels leiden aufgrund einer züchterisch veränderten Körperhaltung unter Gleichgewichtsstörungen und haben Mühe, sich auf der Sitzstange zu halten.
Bodenpurzel-Tauben haben ihr Flugvermögen eingebüßt und schlagen stattdessen Purzelbäume auf dem Boden. Diese kurze Auflistung mag einen Einblick geben, auf welch vielgestaltige Weise tierschutzrelevante Zuchtziele kritisch zu hinterfragen sind.

Labortiere

Auch in der biomedizinischen Forschung werden erbkranke Tiere verwendet. Zuchtformen mit erblich bedingten Defekten werden als Krankheitsmodelle genutzt, um Einblicke in die Entstehung von Krankheiten zu erhalten, die ggf. für die Entwicklung von Therapieverfahren wichtig sind. Gleiches gilt für Versuchstiere, bei denen durch gentechnische Maßnahmen die Wirkung bestimmter Erbanlagen ausgeschaltet (sog. “Knock-out-Tiere”) oder gezielt verändert (“Knock-in-Tiere”) wurde. Auch bei solchen transgenen Tieren werden Schmerzen, Leiden oder Schäden in Kauf genommen. Aus rechtlicher Sicht (vgl. §11b [Abs. 4] TierSchG) ist die Zucht von erbkranken oder durch bio- oder gentechnische Maßnahmen veränderten Tieren jedoch gestattet, sofern ein wissenschaftlicher Zweck verfolgt wird.

Rechtslage

Wie stellt sich gegenwärtig die rechtliche Situation dar? Durch das 1. Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes wurden in Deutschland erstmals im Jahr 1986 gesetzliche Regelungen für die Zucht von Wirbeltieren getroffen. 1998 wurde der “Qualzuchtenparagraph” überarbeitet.

Haubenenten weisen eine Reihe von Zuchtdefekten auf. Häufig ist das Schädeldach nicht geschlossen, sondern weist zum Teil erhebliche Lücken auf. Im Schädelinneren finden sich oft umfangreiche

Fetteinlagerungen, durch die lebenswichtige Hirnfunktionen beeinträchtigt werden können. Erblindung und Gleichgewichtsstörungen können direkte Folgen sein. Nachkommen von Haubenenten sind aufgrund von Missbildungen des Kopfes häufig nicht lebensfähig und sterben kurz vor dem Schlupf ab.

Langhaariges Rosettenmeerschweinchen. Aufgrund der Wirbelbildungen verliert das Fell seine nässe- und kälteabweisende Fähigkeit.

§ 11b des Tierschutzgesetzes in der Fassung der Bekanntmachung vom 25. Mai 1998

• Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch bio- oder gentechnische Maßnahmen zu verändern, wenn damit gerechnet werden muss, dass bei der Nachzucht, den bio- oder gentechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten.

• Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch bio- oder gentechnische Maßnahmen zu verändern, wenn damit gerechnet werden muss, dass bei den Nachkommen

  • mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen oder mit Leiden verbundene erblich bedingte Aggressionssteigerungen auftreten oder
  • jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
  • deren Haltung nur unter Bedingungen möglich ist, die bei ihnen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führen.

• Die zuständige Behörde kann das Unfruchtbarmachen von Wirbeltieren anordnen, wenn damit gerechnet werden muss, dass deren Nachkommen Störungen oder Veränderungen im Sinne des Absatzes 1 oder 2 zeigen.

• Die Absätze 1, 2 und 3 gelten nicht für durch Züchtung oder bio- oder gentechnische Maßnahmen veränderte Wirbeltiere, die für wissenschaftliche Zwecke notwendig sind.

• Das Bundesministerium wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates, soweit es zum Schutz der Tiere erforderlich ist, die erblich bedingten Veränderungen, Verhaltensstörungen und Aggressionssteigerungen nach den Absätzen 1 und 2 näher zu bestimmen und dabei insbesondere bestimmte Zuchtformen und Rassemerkmale zu verbieten oder zu beschränken.

Nach Paragraph 11b des Tierschutzgesetzes sollte es demnach keine “Qualzüchtungen” in Deutschland mehr geben. Allerdings ist ein Gesetz nur so effizient wie seine Umsetzung. Die bisher unbefriedigende Anwendung liegt sicherlich ebenfalls in der sehr kontrovers diskutierten Frage begründet, wann die Grenze zur “Qualzucht” erreicht bzw. überschritten ist. Leider haben sich bisher sowohl Behörden als auch Tierzuchtverbände mit der sachlichen Auseinandersetzung und dem Vollzug des sog. “Qualzuchtparagraphen” teilweise sehr schwer getan.
Auch das im Jahr 1999 von einer vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft berufenen Sachverständigengruppe erarbeitete Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes für den Bereich der Heimtierzucht hat bisher kaum zur Umsetzung des §11b geführt. Daher hat der Bundesrat im März diesen Jahres die Bundesregierung in einer Entschließung aufgefordert, von einer im Tierschutzgesetz enthaltenen Verordnungsermächtigung Gebrauch zu machen und das so genannte Qualzuchtverbot zu präzisieren.Ein entsprechendes Sachverständigen-Gutachten für den Bereich der Nutztierzucht existiert bislang noch nicht, wird aber von verschiedenen Seiten gefordert.

Wann wird Tierzucht zur “Qualzucht”?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist im Hinblick auf § 11b des Tierschutzgesetzes das zulässige Maß an züchterischer Freiheit überschritten, wenn Organe, Körperteile oder Verhalten bei Individuen der betroffenen Rasse im Vergleich zu anderen Zuchtformen der gleichen Art in ihren Grundfunktionen behindert sind. In diese Betrachtung ist auch die Fähigkeit zur artgemäßen Fortpflanzung einzubeziehen. In diesem Zusammenhang muss außerdem darauf hingewiesen werden, dass § 11b nicht auf Tiere, sondern auf deren “Nachzucht” abzielt. Damit werden vom Tierschutzgesetz nicht nur Zuchtdefekte erfasst, die erst beim lebenden Tier ihre schädigende Wirkung offenbaren, sondern u. a. auch solche, die totgeborene bzw. schlupfunfähige Jungtiere bewirken.

Konsequenzen für Tierzüchter, Konsumenten und Tierliebhaber

Als Konsequenz für die mit der Zucht von Haustieren befassten Zuchtverbände lässt sich ableiten, dass die Zuchtziele bezüglich ihrer Tierschutzrelevanz unabhängig von weiterführenden wissenschaftlichen Untersuchungen einer selbstkritischen Analyse unterzogen werden müssen. Neben zuchtverbandsinternen Maßnahmen ist seitens der Tierschutzverbände weiterhin Druck auf die Politik gefordert.

Die extreme Rundköpfigkeit “moderner” Perserkatzen führt bei den Tieren zu gesundheitlichen Problemen. Oft leiden sie unter verklebten Augen, weil der Abfluss der Tränenflüssigkeit behindert ist.

Fotos: Thomas Bartels

Die Verfassungsänderung in Artikel 20a GG sollte hierfür die Ausgangslage bilden und zu konkreten Veränderungen in der Rechtssprechung führen.
Leider fördert aber eine Einstellung zum Tier und seinen Bedürfnissen, die landwirtschaftliche Nutztiere zu reinen Rohstofflieferanten und Heim- und Hobbytiere zu “Sportartikeln” oder willkürlich formbaren “Kunstwerken” degradiert, die Etablierung von Erbdefekten und Extremzüchtungen. Gesundheit, Wohlbefinden und tiergerechtes Leben werden “ästhetischen” Vorstellungen oder einem übertriebenem Leistungsdenken untergeordnet. Daher muss auch der mit der Tierzucht und ihren “Endresultaten” befasste Personenkreis (und zwar Konsumenten tierischer Nahrungsmittel und Tierliebhaber gleichermaßen) für das Problem der “Qual”-, Defekt- und Extremzüchtungen bei Nutz- und Heimtieren sensibilisiert werden. Darüber hinaus ist der Gesetzgeber gefordert, den verfassungsrechtlich festgeschriebenen Schutz der Tiere auch konkret umzusetzen.

Erfreulicherweise hat das Verwaltungsgericht Gießen am 14. April 2003 diese Grundgesetzänderung bei der Urteilsfindung gegen einen Züchter miteinbezogen und ihm die Zucht von Haubenenten verboten.

“Tierschutz orientiert sich nämlich nicht an den Wünschen der Züchter oder der Bevölkerung, sondern daran, dass auch tierisches Leben nur in solchen Formen durch Menschenhand hervorgebracht oder beeinflusst wird, dass es lebenswert und frei von angezüchteten Leiden oder Qualen ist.” Dies, so das Gericht, müsse der Züchter gegen sich gelten lassen.

Diesen Worten möchten wir nichts hinzufügen. Für echte Tierfreunde muss es schließlich auch nicht unbedingt ein Rassetier sein, oder? Bitte denken Sie bei der Anschaffung eines Hausgenossen auch an die vielen Tiere in den Tierheimen, die ein neues Zuhause suchen.

Fotos: www.tierschutzfotoservice.de