Waschbären in Deutschland

Waschbär_efector/sxc.huBild: efector/sxc.huDer Waschbär kommt in Deutschland immer häufiger vor und wird daher von den meisten Menschen als ‚Plage‘ abgestempelt. Damit teilt er sein Schicksal mit vielen anderen Säugetierarten wie beispielsweise dem Mink, verschiedenen Vögeln und Wirbellosen, die vom Menschen nach Europa eingeschleppt wurden und sich hier schnell ausbreiteten. Dieses Problem ist vom Menschen gemacht, und es ist aus Tierschutzsicht bedenklich, eingeschleppte Tierarten einfach als Plage einzustufen und mithin einer tierfreundlichen Lösung aus dem Wege zu gehen. Tierschutz bedeutet immer, Verantwortung für jedes einzelne Tier zu übernehmen, und deshalb lohnt es sich, einen näheren, unvoreingenommenen Blick auf den Waschbären als Individuum zu werfen.

Der Waschbär ist eigentlich in Nordamerika heimisch, wurde aber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als Pelzlieferant nach Europa gebracht. Er gehört zur Familie der Kleinbären und lebt bevorzugt in gewässerreichen Wäldern. Da Waschbären sehr anpassungsfähig sind, haben sich viele Vertreter dieser Art in den letzten Jahren aber auch im städtischen Bereich angesiedelt. Waschbären haben zudem ein sehr gutes Erinnerungsvermögen, und so vergessen sie eine Stelle, an der es einmal reichlich Futter gab, nicht wieder. Aufgrund dieser Eigenschaften etablierte sich der Waschbär nach seiner Auswilderung schnell in der europäischen Fauna, und einige Jahrzehnte später wurden die ersten Stimmen laut, die den Neuankömmling als Gefahr für die heimische Tierwelt einstuften.

So begann der fortwährende „Kampf“ des Menschen gegen ein Säugetier, dem er selbst einen neuen Lebensraum geschaffen hat. Dabei ist der Waschbär laut Bundesnaturschutzgesetz mittlerweile den heimischen Arten zuzuordnen, da er sich ohne menschliche Hilfe über mehrere Generationen hinweg in freier Wildbahn behaupten konnte. Die Frage, ob der Waschbär nun wirklich eine „Plage“ ist und als invasive Art eine Gefahr für unser heimisches Ökosystem darstellt, lässt sich anhand dreier Kriterien bewerten, die vor allem in den Arbeiten der Biologen und Waschbärenforscher Frank-Uwe Michler und Ulf Hohmann erläutert werden.


1. Übertragen Waschbären Krankheiten oder Parasiten auf heimische Wildtiere?

Nein! Der Waschbär spielt in Europa als Überträger von Seuchen und Parasiten kaum eine Rolle. Natürlich können auch Waschbären beispielsweise an Tollwut erkranken oder bestimmte Parasiten tragen, aber ihre Rolle in der Entwicklung von Epidemien ist unerheblich.


2. Verdrängen Waschbären heimische Arten?

Nein! Abschließend lässt sich die Frage natürlich noch nicht beantworten, aber bisher gibt es keine Beweise, die darauf hindeuten, dass Waschbären heimische Tierarten bedrohen oder verdrängen. Als Allesfresser können sich Waschbären an verschiedene Bedingungen anpassen und verdrängen daher keine spezialisierten Arten, weil es kaum Nahrungskonkurrenz gibt. Es gibt Einzelbeobachtungen von Tieren, die Nester ausrauben, aber dabei handelt es sich lediglich um Gelegenheitsbeute. Eine ernsthafte Bedrohung für das Überleben anderer Arten stellen Waschbären nicht dar. Im Gegenteil - es gibt wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass dem Niederwild durch den Waschbären kein Schaden zugefügt wird. Ein gutes Beispiel für die Koexistenz von Waschbären und verschiedenen Vogel- und Niederwildarten ist der Müritz-Nationalpark, in dem es die höchste Besiedlungsdichte von Waschbären in Deutschland gibt. Gleichzeitig brüten dort aber auch viele Vogelarten, unter anderem der Kranich, in großer Zahl. Man tut dem Waschbären also Unrecht, wenn man ihn für das Verschwinden bestimmter Tierarten verantwortlich macht.


3. Verursachen Waschbären wirtschaftliche Schäden?

Waschbär in Mülltonne_madmaven/sxc.huBild: madmaven/sxc.huJa, aber es gibt einfache Maßnahmen, um dies zu verhindern. Waschbären nutzen Dachböden und Kaminschächte gerne als Schlaf- oder Wurfplätze. Dabei zerstören sie Dachisolierungen oder verursachen Schäden durch Kot, ganz zu schweigen von der Lärmbelästigung. Auf das Dach gelangen Waschbären meist über die Regenrinne oder überwachsende Bäume, und verschobene Ziegel oder andere Öffnungen dienen dann als Einstieg in den Dachboden.

 

Um dies zu verhindern, gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Gehölze, die über das Dach wachsen, sollten zurückgeschnitten werden.
  • Um Bäume und Fallrohre kann man glatte Metallmanschetten anbringen, die den Stamm bzw. das Rohr umschließen und keinerlei Haltemöglichkeiten geben sollten. Die Manschetten sollten mindestens einen Meter hoch sein. Wenn ein Tier versucht, daran hochzuklettern, wird es an dieser Stelle nicht weiterkommen. 
  • Mögliche Schlupflöcher im Dach kann man mit dauerhaftem Baumaterial verschließen (kein Blei und keine Leichtbauplatten).

Waschbär in Mülltonne_madmaven/sxc.huBild: madmaven/sxc.huAnsonsten empfiehlt es sich, den Waschbären nicht zusätzlich durch Essensreste in Mülleimern oder auf Komposthaufen anzulocken. Mülltonnen können beispielsweise mit starken Spanngurten gesichert werden, damit die Tiere den Deckel nicht öffnen können. Fleisch, Milchprodukte, Brot und Obst fressen Waschbären besonders gerne. Deshalb sollte man solche Essensreste nicht auf dem Komposthaufen entsorgen und auch Fallobst am Haus absammeln. Mit diesen Maßnahmen gelingt es gut, Waschbären vom Haus fernzuhalten, und sollte es doch einmal einem Tier gelingen, in das Haus einzudringen, gibt es Experten, die darauf spezialisiert sind, Waschbären zu vertreiben ohne sie zu schießen.


Bejagung ist sinnlos

Die Bejagung von Waschbären ist auf jeden Fall keine Lösung, denn es handelt sich dabei weder um eine tierschutzgerechte noch um eine sinnvolle Maßnahme. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Waschbären auf eine Dezimierung der Population mit einer erhöhten Fortpflanzungsrate reagieren. Werden immer wieder Tiere geschossen, bewirkt das eine höhere Paarungsbereitschaft auch bei sehr jungen Weibchen, die normalerweise noch nicht an der Fortpflanzung teilnehmen. So führt die Jagd auf Waschbären letztlich dazu, dass deren Gesamtzahl dennoch stabil bleibt oder sogar noch ansteigt.
Leider interessieren sich Mitglieder der Landesjagdverbände genauso wenig für solche Forschungsergebnisse wie für die Erkenntnis, dass der Waschbär nach Betrachtung der drei erwähnten Kriterien keine schädliche, invasive Art ist. Seine Rolle als Überträger von Krankheiten und auch sein ökologischer und ökonomischer Einfluss sind insgesamt eher unbedeutend. All das rechtfertigt keine Hetzjagd auf den Waschbären wie sie im Moment in einigen Regionen Deutschlands stattfindet.

Waschbär als Kulturfolger_onderc/sxc.huBild: onderc/sxc.huJedem, der den Waschbären auch jetzt noch als Plage empfindet, hilft es vielleicht, sich Folgendes vor Augen zu führen: Der Mensch ist für die Etablierung des Waschbären in Deutschland genauso verantwortlich wie für die Ausbreitung des Kaninchens in Australien, die Einschleppung der Wollhandkrabbe in ganz Europa, die Etablierung der Pazifischen Auster im Wattenmeer, die Verbreitung des Minks in Europa… Diese Tiere können nichts dafür, dass sie als Pelzlieferant, Nahrungsmittel, Jagdtrophäe oder schlicht aus Dummheit eingeschleppt wurden, daher sollte die logische Konsequenz lauten, dass sie nun auch nicht darunter leiden sollten. Zumal das Beispiel des Kaninchens und des Waschbären zeigt, dass Bejagung in den meisten Fällen ohnehin völlig sinnlos ist.

Ein Zitat der Pionierin der Waschbärenforschung Dr. Walburga Lutz (1981) bringt es auf den Punkt: „Es ist müßig zu fragen, ob die Einbürgerung (des Waschbären) zu begrüßen oder zu verurteilen war, nachdem nahezu das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland besiedelt ist. Die Einbürgerung selbst ist erfolgreich verlaufen und nicht mehr rückgängig zu machen. Wir sollten deshalb mit dem Waschbären leben wollen.“

 

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