Der Tod in den Schlachthäusern

Es ist die Anonymität unserer Tieropfer, die uns taub macht für ihre Schreie.

von Luise Rinser

Viele Berichte dokumentieren das Leid der Tiere, die in unserer Gesellschaft zur Ware und zum “Nutz”tier degradiert werden. Tierschutzorganisationen wie der ETN kämpfen für eine artgerechte Haltung und gegen tierquälerische Tiertransporte. Aber es wird selten über eine Realität berichtet, an der auch keine noch so artgerechte Tierhaltung etwas ändert: Der gewaltsame Tod der Tiere in den Schlachthäusern.

Es ist ein Tabuthema. Kaum jemand möchte sich mit der Realität des Millionenfachen Mordens auseinandersetzen. Nicht umsonst liegen Schlachthöfe daher auch meist abseits des pulsierenden Lebens der Städte und sind von hohen Mauern umgeben. Diese Realität hinter den Mauern ist schwer zu ertragen. Aber wir sind es den Tieren schuldig, darüber zu berichten und ihre Schreie und ihre Qualen aus der Anonymität  und dem Verborgenen heraus zu holen – schuldig den Tieren, die dies tagtäglich ertragen müssen.

Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Bericht von Dr. Christiane Haupt, die im Rahmen ihres Veterinärstudiums die Hölle Schlachthof gesehen hat. Nichts ist in diesem Bericht unwahr oder emotional überzogen. Es ist die erschütternde Realität, die wir nicht verdrängen dürfen.

Wir danken Frau Dr. Haupt für die Genehmigung, ihren Bericht in unserem Magazin sowie auf unserer Website abdrucken zu dürfen.

 

Um eines Bissen Fleisches willen …

“Ich halte es nicht aus. Diese Gleichgültigkeit. Diese Selbstverständlichkeit des Mordens. Ich möchte, ich muss sprechen, es mir von der Seele reden. Ich ersticke daran. Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht mehr laufen konnte, mit gegrätschten Hinterbeinen dasaß. Das sie solange traten und schlugen, bis sie es in die Tötungsbox hineingeprügelt hatten. Das ich mir hinterher ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte: beidseitiger Muskelabriss an den Innenschenkeln, Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie vergesse ich diese Zahl. Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen, von den sanften braunen Augen, die so voller Panik sind. Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen und Flüchen, bis das unselige Tier endlich im eisernen Pferch zum Bolzenschuss bereit steht, mit Panoramablick auf die Halle, wo die Artgenossen gehäutet und zerstückelt werden, – dann der tödliche Schuss, im nächsten Moment schon die Kette am Hinterfuß, die das ausschlagende, sich windende Tier in die Höhe zieht, während unten bereits der Kopf abgesäbelt wird. Und immer noch, kopflos, Ströme von Blut ausspeiend, bäumt der Leib sich auf, treten die Beine um sich … Erzählen von dem grässlich-schmatzenden Geräusch, wenn eine Winde die Haut vom Körper reißt, von der automatisierten Rollbewegung der Finger,  mit der die Abdecker die Augäpfel – die verdrehten, rotgeäderten, hervorquellenden – aus den Augenhöhlen klauben und in ein Loch im Boden werfen, in dem der “Abfall” verschwindet.

Erzählen möchte ich, dass immer wieder inmitten dieses schleimigen, blutigen Berges ein trächtiger Uterus zu finden ist, dass ich kleine, schon ganz fertig aussehende Kälbchen in allen Größen gesehen habe, zart und nackt und mit geschlossenen Augen in ihren schützenden Fruchtblasen, die sie nicht zu schützen vermochten, – das kleinste so winzig wie ein neugeborenes Kätzchen und doch eine richtige Miniatur-Kuh, das größte weich behaart, braunweiß und mit langen seidigen Wimpern, nur wenige Wochen vor der Geburt. “Ist es nicht ein Wunder, was die Natur so erschafft?” meint der Veterinär, der an diesem Tag Dienst hat, und schiebt Uterus samt Fötus in den gurgelnden Müllschlucker. Und ich weiß nun ganz sicher, dass es keinen Gott geben kann, denn kein Blitz fährt hernieder, diesen Frevel zu rächen, der seinen Fortgang nimmt, wieder und wieder.

Auch für die erbärmlich magere Kuh, die, als ich morgens um sieben komme, krampfhaft zuckend im eisigen, zugigen Gang liegt, kurz vor der Tötungsbox, gibt es keinen Gott und niemanden, der sich ihrer erbarmt in Form eines schnellen Schusses. Erst müssen die übrigen Schlachttiere abgefertigt werden. Als ich mittags gehe, liegt sie immer noch und zuckt. Niemand, trotz  mehrfacher Aufforderung, hat sie erlöst. Ich habe das Halfter, das umbarmherzig scharf in ihr Fleisch schnitt, gelockert und ihre Stirn gestreichelt. Sie blickt mich an mit ihren riesiggroßen Augen, und ich erlebe nun selbst, dass Kühe weinen können. Die Schuld, ein Verbrechen tatenlos mit anzusehen, wiegt so schwer wie die, es zu begehen. Ich fühle mich so unendlich schuldig.
Meine Hände, Kittel, Schürze und Stiefel sind besudelt vom Blut ihrer Artgenossen, stundenlang habe ich unter dem Band gestanden, Herzen und Lungen und Lebern aufgeschnitten. “Bei den Rindern saut man sich immer total ein”, bin ich bereits gewarnt worden.(…)

Die Dinge abstrahieren sich, wenn man von soviel gewaltsamem Tod umgeben ist, das eigene Leben erscheint unendlich bedeutungslos. Irgendwann blickt man auf die Reihen zerstückelter Schweine, die durch die Halle ziehen, und fragt sich: Wäre es anders, wenn hier Menschen hingen? Insbesondere die “rückwärtige Anatomie” der Schlachttiere, dick und pickelig und rotgefleckt, erinnert verblüffend an das, was an sonnigen Urlaubsstränden fettig unter engen Badehosen hervorquillt. Auch die nicht endenwollenden Schreie, die aus der Tötungshalle herübergellen, wenn die Schweine den Tod spüren, könnten von Frauen oder Kindern stammen. Abstumpfung bleibt da nicht aus.

rgendwann denke ich nur noch, aufhören, es soll aufhören, hoffentlich macht er schnell mit den Elektrozangen, damit es endlich aufhört. “Viele geben keinen Ton von sich”, hat einer der Veterinäre einmal gesagt, “andere stehen eben da und schreien völlig grundlos”. Ich sehe mir auch das an, wie sie dastehen und “völlig grundlos” schreien. Mehr als die Hälfte des Praktikums ist vorüber, als ich endlich in die Tötungshalle gehe, – um sagen zu können: “Ich habe gesehen”. Hier schließt sich der Weg, der vorn an der Laderampe beginnt. Der kahle Gang, in den alle Pferche münden, verjüngt sich und führt durch eine Tür in einen kleinen Wartepferch für jeweils vier oder fünf Schweine. Sollte ich je den Begriff “Angst” bildlich darstellen, ich würde die Schweine zeichnen, die sich hier gegen die hinter ihnen geschlossene Tür zusammendrängen, ich würde ihre Augen zeichnen. Augen, die ich niemals mehr vergessen kann. Augen, in die jeder sehen sollte, den es nach Fleisch verlangt.

Mithilfe eines Gummischlauches werden die Schweine separiert, eines wird nach vorn in einen Stand getrieben, der es von allen Seiten umschließt. Es schreit, versucht nach hinten auszubrechen, und häufig hat der Treiber alle Hände voll zu tun, ehe er endlich mit einem elektrischen Schieber den Stand schließen kann. Ein Knopfdruck, der Boden des Standes wird durch eine Art fahrbaren Schlitten ersetzt, auf dem sich das Schwein rittlings wiederfindet, ein zweiter Schieber vor ihm öffnet sich, und der Schlitten mit dem Tier gleitet hinüber in eine weitere Box.

Der daneben stehende Grobschlächter – ich habe ihn insgeheim immer “Frankenstein” genannt – , setzt die Elektroden an; eine Dreipunktbetäubung, wie der Direktor mir einst erklärt hat. Man sieht das Schwein sich in der Box aufbäumen, dann klappt der Schlitten weg, und das zuckende Tier schlägt auf einer blutüberströmten Rutsche auf und zappelt mit den Beinen. Auch hier wartet ein Grobschlächter, zielsicher trifft das Messer unter dem rechten Vorderbein, ein Schwall dunklen Blutes schießt hervor, und der Körper rutscht weiter. Sekunden später hat sich bereits eine Eisenkette um ein Hinterbein geschlossen und das Tier emporgezogen, und der Grobschlächter legt das Messer ab, greift nach einer verschmierten Cola-Flasche, die auf dem zentimeterdick mit geronnenem Blut bedeckten Boden steht, und genehmigt sich einen Schluck. Das ist es, wovon ich berichten möchte, um es nicht allein tragen zu müssen, – aber im Grunde will es keiner hören. Nicht, dass ich während dieser Zeit nicht oft genug befragt werde: “Wie ist es denn so im Schlachthof? Also, ich könnte das ja nicht!” (…)

Oft werde ich angespornt: “Beiß die Zähne zusammen, du musst da durch, und bald hast du es ja hinter dir!” Für mich eine der schlimmsten, herzlosesten und ignorantesten Äußerungen, – denn das Massaker geht weiter, Tag für Tag. Ich glaube, niemand hat begriffen, dass mein Problem weniger darin bestand, diese sechs Wochen zu überleben. Sondern dass dieser ungeheure Massenmord geschieht, millionenfach, – für jeden geschieht, der Fleisch isst.
Auszug aus dem Text “Um eines Bissen Fleisches willen …” von Christiane Haupt

 

 

 

 

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