Robusthaltung oder Vernachlässigung?

Warum ganzjährige Weidehaltung von Schafen oft nicht tierschutzgerecht ist

Günter Havlena pixelio.deBild: Günther HavlenaHaken schlagend flitzen sie in wilden Bocksprüngen über die Wiese, zwischendurch immer wieder die Nähe der Mutter suchend. Wenn man im Frühjahr an Schafherden vorbei geht, bietet sich ein Bild purer Lebensfreude: Dutzende kleine Lämmer, die bei vielen Schäfern schon weit vor Ostern geboren werden. Was der Spaziergänger nicht sieht, ist das Leid, das in vielen Fällen hinter der ganzjährigen Freilandhaltung steckt.

Hinterfragt man eine Schafhaltung, bekommt man zu jedem Kritikpunkt immer wieder dieselbe Antwort: „Schafe sind robust, die vertragen das.“ Tatsächlich können erwachsene, gesunde Schafe auch bei schwierigen Wetterverhältnissen draußen sein, denn durch ihre Wolle sind sie vor Schnee und Regen gut geschützt. Anders sieht das bei Lämmern aus, die durch ihre spärliche Bewollung noch keinen ausreichenden Schutz gegen Kälte besitzen. Insbesondere in Verbindung mit Regen oder Schnee können kalte Temperaturen schnell lebensbedrohlich für Lämmer werden. Deshalb empfiehlt das Landwirtschaftsministerium Niedersachsen sowie die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) Mutterschafe und Lämmer mindestens in der ersten Lebenswoche der Lämmer einzustallen. Dort sind die Tiere vor Regen, Wind und Kälte geschützt und der Schäfer kann sofort eingreifen, wenn bei der Geburt etwas schief läuft oder eine Mutter ihr Lamm nicht annimmt.

Auch wird für Tiere in Weidehaltung generell ein Witterungsschutz empfohlen, dies kann ein mobiler Unterstand, eine Windschutzmauer aus Strohballen oder ein natürlicher Witterungsschutz wie Bäume oder Gebüsch sein. Die Schafe sollen die Möglichkeit haben sich gleichzeitig auf einer trockenen Fläche ausruhen zu können, denn auf nassem Untergrund legen sich die Tiere nicht so oft hin wie nötig wäre. Dadurch käuen sie weniger wieder und werden insgesamt anfälliger für Krankheiten. Auch die Wolle der Tiere schützt nicht ewig vor Witterungseinflüssen, denn einmal mit Wasser vollgesogen, hält sie die Kälte nicht mehr so gut ab wie in trockenem Zustand.

Eckard Wendt   AGfaN e.V 3Bild: Eckard Wendt/AGfaN e.V Natürlich gibt es viele Schäfer, die sich an die Empfehlungen der Behörden und des TVT halten, doch leider tummeln sich auch viele „schwarze Schafe“ unter den Schäfern, die sich kaum um das Wohlergehen ihrer Tiere sorgen. Und so sind Schafherden, die ohne Wasser völlig schutzlos auf einer abgegrasten Wiese stehen, leider keine Ausnahme. Immer wieder erfrieren Lämmer bei nasskaltem Wetter oder sind unterversorgt, weil die Mutter sie nicht annimmt oder zuwenig Milch hat. Gute Schäfer bemerken dieses Problem im heimischen Stall sofort und können Hilfe leisten und die Lämmer zur Not mit der Flasche aufziehen. Bei Schäfern, die nur einmal am Tag nach ihren Tieren sehen, kommt für unterkühlte und unterernährte Tiere meist jede Hilfe zu spät.

Falls Sie bei einer Schafherde der Meinung sind, dass etwas nicht in Ordnung ist, suchen Sie als erstes das Gespräch zu dem Schäfer. So bemerken Sie in der Regel recht schnell, ob er sich um seine Tiere bemüht oder eher nach der Devise „Ein bißchen Schwund ist immer“ handelt.
Auf einige Punkte sollten Sie unbedingt achten:

  • Wasser: Die Schafe benötigen durchgehend Zugang zu frischem Wasser. Besonders säugende Mutterschafe haben einen hohen Wasserbedarf. Steht über mehrere Tage kein Wasser zur Verfügung oder ist das Wasser permanent zugefroren und verschmutzt, sollte der Schäfer bzw. das Veterinäramt darauf angesprochen werden.
  • Lecksteine: Schafe benötigen Zugang zu Mineralien- und Salzlecksteinen, bzw. -schalen.Teilweise werden Salz und Mineralien auch per Hand zugefüttert, so dass keine entsprechenden Schalen auf der Weide stehen. Sprechen Sie den Schäfer darauf an.
  • Schutz: Die Schafe benötigen einen Witterungsschutz. Dies können auch natürliche Strukturen wie Bäume, Hecken sein. Ein guter Schäfer informiert sich über Schlecht-Wetter-Phasen und führt seine Tiere an geschützte Plätze.
  • Lämmer: Neugeborene Lämmer müssen laut Empfehlungen der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) aufgestallt werden oder bis zur 4. Lebenswoche einen Witterungsschutz haben. Sieht man Lämmer, die bei Temperaturen um den Nullpunkt oder bei Schneeregen geboren werden, sollte man den Schäfer darauf ansprechen und ihn auffordern, die Tiere in einen Stall zu bringen. Bleibt er untätig, muss das Veterinäramt auf den Fall aufmerksam gemacht werden.Auf jeden FAll sollte man umgehend handeln,bevor für das Lamm jede Hilfe zu spät kommt!
  • Aufsicht: Insbesondere in der Lämmerzeit muss der Schäfer mehrmals täglich seine Tiere kontrollieren. Ist dies nicht der Fall, riskiert er bei Problemgeburten das Leben seiner Tiere. Scheuen Sie sich nicht davor sich an das zuständige Veterinäramt zu wenden, wenn eine Schafherde nicht genügend versorgt wird und lassen Sie sich vor allem nicht erzählen, dies sei eine „natürliche Robusthaltung“!

 

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