Qualzucht bei Nutztieren

Seit Jahren fallen die Preise für tierische Erzeugnisse, was viele Verbraucher freut, jedoch wächst damit der Druck auf die Landwirtschaft weiter an. Um trotzdem wirtschaftlich arbeiten zu können, muss die Leistung der Tiere gesteigert werden. Dieses geschieht durch gezielte Züchtung auf bestimmte Merkmale. Beim Rind ist dieses Merkmal entweder eine höhere Milchleistung oder eine stärkere Bemuskelung zur Fleischproduktion, beim Huhn eine höhere Legeleistung oder eine stark ausgeprägte Brust und beim Schwein die möglichst schnelle Zunahme an Masse.


Moderne Formen der Züchtung

uschi dreiucker pixelio.deBild: uschi dreiucker/pixelio.deHeutzutage werden in der Zucht von Nutztieren nicht mehr wie früher einfach Tiere mit den jeweiligen Merkmalen ausgewählt, die dann Nachkommen zeugen, sondern es wird mit hochmodernen Techniken der Reproduktionsforschung gearbeitet. Mittlerweile gehört die künstliche Besamung zum Standard, vor allem bei der Zucht von Milchkühen und Schweinen. Bei Milchkühen wird zudem Embryotransfer (künstliches Einbringen eines Embryos in die Gebärmutter einer anderen Kuh) eingesetzt, damit von den leistungsfähigsten Kühen noch mehr Nachwuchs produziert werden kann. Auch die gezielte Auswahl des Geschlechts oder anderer genomischer Merkmale wird häufig genutzt. In der Geflügelhaltung wird vor allem die Hybridzucht eingesetzt, bei der zum Beispiel durch Inzucht sehr ähnliche Rassen erzeugt werden, um dann durch weitere Kreuzung noch leistungsfähigere Tiere zu erhalten. Darüber hinaus werden natürlich noch andere Verfahren genutzt, um leistungsfähigere Tiere zu züchten.

Diese gezielte Züchtung wird stetig vorangetrieben, ist aber nur bis zu einem gewissen Punkt mit dem Wohlergehen der Tiere vereinbar. Leider wird darauf aber in der Züchtung für die Lebensmittelindustrie wenig Rücksicht genommen, denn spätestens wenn Schweine so schnell an Masse zulegen, dass ihre Knochen und Gelenke diese nicht mehr tragen können oder aber Milchkühe wegen ihrer immer größeren Euter Schmerzen haben, dann muss man hier von einer Qualzucht sprechen.


Qualzuchten sind in Deutschland eigentlich verboten

Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet Qualzuchten nach §11b:

1. Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten […], soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse […], erwarten lassen, dass als Folge der Zucht […]erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder

2. bei den Nachkommen
a) mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
b) jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
c) die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt

Jedoch hat die Umsetzung dieses Gesetzes bisher nicht stattgefunden, da hierfür eine Konkretisierung des Begriffes Qualzucht nötig ist, die es bisher noch nicht gibt. Auch ein Gutachten zur Anwendung des Gesetzes, welches für Qualzuchten bei Heimtieren bereits existiert, fehlt. Dadurch haben Amtstierärzte keinerlei Grundlagen, um gegen Qualzuchten vorzugehen.


Folgen der Qualzucht

Aufgrund der fehlenden gesetzlichen Grundlagen sind die Folgen von Qualzuchten bei fast allen Nutztierrassen zu sehen.

Die Qualzucht bei Fleischrindern ist am deutlichsten bei der Rasse Weißblauer Belgier zu sehen. Durch die gezielte Züchtung einer natürlichen Genmutation haben Tiere dieser Rasse einen deutlich erhöhten Fleischanteil, sodass selbst die Kälber schon fast ausschließlich per Kaiserschnitt auf die Welt kommen müssen. Zudem leiden sie unter Atem- und Lungenbeschwerden.

Andreas Liebhart pixelio.deBild: Andreas Liebhart/pixelio.deBei Milchkühen wurde in den letzten Jahren auf immer höhere Milchleistung gezüchtet. Die Folgen sind vor allem Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstörungen, letztere hervorgerufen durch eine viel zu eiweißreiche Fütterung. Aber auch Euter- und Klauenentzündungen treten gehäuft auf, weshalb vermehrt Hormonpräparate und Antibiotika eingesetzt werden müssen. Mehr zum Leid der Milchkühe finden Sie hier.

Ungefähr 37 Kilogramm Schweinefleisch werden durchschnittlich von jedem Deutschen im Jahr verzehrt, was zur Folge hat, dass Schweine auf immer stärkere und schnellere Gewichtszunahme gezüchtet werden. Bei Mastschweinen hat diese Zucht zu Gelenksproblemen geführt, da die Knochen bei einer Gewichtszunahme von bis zu einem Kilogramm am Tag nicht schnell genug mitwachsen können. Zudem sind Mastschweine stark stressanfällig geworden, was zu Kreislaufproblemen führt, weshalb so viele Mastschweine während des Transportes sterben.

Gezielte Züchtung auf Leistung führte auch bei Masthühnern dazu, dass sie mittlerweile ihr Endgewicht, von knapp zwei Kilogramm, innerhalb von vier bis sechs Wochen erreichen. Das Skelett und die inneren Organe können nicht so schnell wachsen, wie es die Muskeln tun, sodass die Masthühner aufgrund der übergroßen Brustmuskulatur Probleme beim Laufen haben. Bei Legehennen wurde die Leistung so erhöht, dass mittlerweile fast ein Ei pro Tag gelegt wird. Dadurch bekommen viele Hennen Osteoporose, da für die hohe Eierproduktion mehr Kalzium benötigt wird, als durch das Futter aufgenommen werden kann.

Durch die gesundheitlichen Probleme wird auch die Lebensspanne der Tiere immer kürzer. Als Beispiel nahm mit Zunahme der Milchleistung die Nutzungsdauer einer Kuh kontinuierlich ab. Heutzutage wird eine Kuh im Durchschnitt nur noch zwei bis drei Jahre genutzt, bevor sie zum Schlachter kommt. Eine Legehenne etwa nur noch ein Jahr. Vor allem, da die durch die Qualzucht entstandenen Krankheiten, nicht mehr effektiv behandelt werden können.

Doch nicht nur gesundheitliche Probleme sind festzustellen, sondern auch Verhaltensstörungen. Viele Tiere bewegen sich deutlich weniger als sie es von Natur aus tun würden, sodass durch das Liegen in der zumeist nassen Einstreu Hautkrankheiten gefördert werden. Auch die Stressanfälligkeit der Tiere ist durch die Zucht gestiegen, sodass sich Kannibalismus oder das Federpicken bei Geflügel häufen.


Jeder kann etwas gegen Qualzuchten tun

Natürlich kann die Politik handeln und das Verbot von Qualzuchten bei Nutztieren durchsetzen, jedoch sollten auch die Verbraucher selbst, also jeder von uns, dazu beitragen, dass Qualzuchten nicht weiter vorangetrieben werden. Eine vegetarische oder vegane Lebensweise trägt erheblich dazu bei, wer auf tierische Produkte nicht verzichten will sollte bewusst auf Bio-Freilandhaltung achten, anstatt zum billigsten Steak in der Ladentheke zu greifen. Letztlich kann so jeder Verbraucher das Signal senden, dass das Wohl der Tiere einen höheren Stellenwert hat als Leistungsfähigkeit.

 

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