Milch von glücklichen Kühen?

Melkstand_iStock.com voraBild: iStock.com/voraLandwirtschaftlich genutzte Tiere werden seit Jahrzehnten auf immer höhere Leistung gezüchtet, dieses Zuchtziel macht auch vor unseren Milchkühen nicht halt. In den letzten fünfzig Jahren konnte die Milchleistung durch gezielte Zucht vervielfacht werden und liegt mittlerweile bei durchschnittlich 8.500 bis 14.000 Litern pro Laktationsperiode (Zeit zwischen zwei Kalbungen, etwa 305 Tage). Die Milchkühe in heutigen Ställen sind somit wahre Hochleistungssportler, die selbst bei guter Pflege schnell an ihre körperlichen Grenzen geraten. Es stellt sich die Frage: Ist die Milch, die diese Tiere geben, wirklich noch von „glücklichen“ Kühen?


Die Schattenseiten der Hochleistungszucht

Euter einer Milchkuh_Joujou/pixelio.deBild: Joujou/pixelio.deFakt ist, dass die durch Zucht immer weiter erhöhte Milchleistung den Organismus der Tiere sehr stark belastet. In der Anfangsphase der Laktationszeit geben Hochleistungskühe bis zu 50 Liter Milch am Tag, danach nimmt die Menge nach und nach ab. Allein zur Produktion von einem Liter Milch müssen 500 Liter Blut durch die Milchdrüsen des Euters fließen. Selbst bei optimaler Fütterung können Milchkühe den für diese Höchstleistung benötigten Energiebedarf oft nicht decken. Die Folge sind Stoffwechselerkrankungen, die unbehandelt bis zum Tod führen können.
Solche Krankheiten und die permanente Überbelastung des Organismus haben zur Folge, dass Hochleistungsmilchkühe nur eine „Nutzungsdauer“ von durchschnittlich drei bis vier Laktationsperioden haben, das heißt, die Tiere leben im Durchschnitt nur etwa fünf Jahre. Danach fällt die Milchleistung ab oder Unfruchtbarkeiten und Euterentzündungen sind der Grund dafür, dass der Landwirt sein Tier zum Schlachter bringt. Zum Vergleich: Eine Kuh, die dem Schicksal einer Hochleistungsmilchkuh entgangen ist, kann durchaus fünfzehn bis zwanzig Jahre alt werden.

Milchkuh mit Kalb_Maren Beßler/pixelio.deBild: Maren Beßler/pixelio.deIn den wenigen Jahren ihres kurzen Lebens sind Milchkühe im Prinzip „dauerschwanger“. Nach siebzehn Monaten werden sie zum ersten Mal besamt, nach neun Monaten Tragzeit wird das Kalb geboren, und nach weiteren zwei Monaten wird die Mutterkuh wieder besamt. Die Milchproduktion läuft wie am Fließband; das hält auf Dauer kein Organismus aus. Die Zucht auf übersteigerte Milchabgabe hat außerdem einen unnatürlich vergrößerten Euter zur Folge, der den Tieren in den Stunden vor dem Melken Schmerzen bereiten kann. Auch Euterentzündungen, die mit Antibiotikagaben behandelt werden müssen, treten bei Hochleistungskühen gehäuft auf.

Mittlerweile findet in der Zucht ein Umdenken hin zu weniger Milchleistung und dafür längerer Lebensdauer statt. Der primäre Grund für diesen (schleppend verlaufenden) Wandel wird aber wohl nicht in der Sorge um das Wohlergehen der Kuh, sondern in Fragen der Wirtschaftlichkeit liegen. Denn die Kosten für den Ersatz einer ausgeschiedenen Kuh sind so hoch, dass erst ab dem vierten Kalb wirklich Geld mit der Milchkuh verdient werden kann. Ein Tier, das nach dem Gebären des vierten Kalbes bereits stirbt, rentiert sich also nicht.


Aus dem (kurzen) Leben einer Milchkuh

Laufstall_iStock.com vora Bild: iStock.com/vora Auch wenn man utopisch anmutende Milchabgabemengen und die daraus resultierenden Erkrankungen einmal außer Acht lässt, ist das Leben einer Milchkuh meist nicht gerade ein Zuckerschlecken. Besonders in Süddeutschland existiert noch immer die Anbindehaltung, in der die Tiere ein ödes Leben ohne jegliche Bewegungsfreiheit fristen und lebenslänglich auf ein und derselben Stelle stehen. Durch die permanente Fixierung entstehen schmerzhafte Klauen- und Gelenkerkrankungen, und Sozialkontakte werden gänzlich unterbunden. Man muss kein Tierpsychologe sein, um zu erkennen, dass solch eine Haltung Tierquälerei ist. Immerhin in 60 – 70 % der deutschen Betriebe wurde diese tierverachtende Haltungsform mittlerweile durch Laufställe ersetzt, in denen sich die Tiere im Laufbereich auf Spaltböden bewegen können und eingestreute Liegeboxen haben. Leider sorgen die Spaltböden zwar für einen einigermaßen kotfreien Laufbereich, aber sie erschweren den Tieren auch das Laufen. Wirklich frei bewegen können sich die Kühe dann nur auf der Weide, die sie allerdings bei konventionellen Betrieben meist nur in den Sommermonaten nutzen können. Aus arbeitstechnischen und ökonomischen Gründen schränkten aber viele Betriebe ihre Weidehaltung in den letzten Jahren noch mehr ein; nicht einmal die Hälfte aller Tiere darf mittlerweile noch auf die Weide.

Milchkuh_Karin Wobig/pixelio.deBild: Karin Wobig/pixelio.deAls Ersatz soll der „Komfort“ - und damit die Milchleistung - der Kuh im Laufstall immerhin durch verschiedene Einrichtungen und Gerätschaften verbessert werden. Rotierende Kuhbürsten, Gummiauflagen für Liegeboxen und Spaltböden, Reinigungsroboter, intelligente Fütterungssysteme und optimierte Lichtverhältnisse sollen nicht nur die Stallhygiene und das Wohlbefinden der Kühe verbessern, sondern auch dem Landwirt die Arbeit erleichtern. Tatsächlich bewirken Bürsten, Bodenbeläge und Co. eine höhere Lebensqualität der Kühe, doch auch ein vollautomatisierter, High-Tech-überwachter Laufstall kann den Tieren nicht ermöglichen, all ihre angeborenen Verhaltensweisen auszuleben.
So ist die heutige Haltung von Milchkühen in Laufställen zwar eine wesentliche Verbesserung gegenüber der früheren Anbindehaltung, vom Leben einer „glücklichen“ Kuh sind die Tiere allerdings noch immer weit entfernt. Nun ist „Glück“ natürlich Ansichtssache, doch wer jemals eine Kuh auf die Weide hat stürmen sehen, wird nicht bestreiten, dass dieses Tier niemals freiwillig das Leben auf Spaltböden wählen würde, und seien sie noch so komfortabel ausgestattet.


Kinder ohne Mutter

Kaelberiglus_iStock.com stevertsBild: iStock.com/stevertsStellt man sich die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit heutiger Milchviehhaltung, ruft die gängige Praxis der Kälberaufzucht unweigerlich die meisten Bedenken hervor. In den meisten Betrieben wird das Kalb in den ersten Stunden oder Tagen von der Mutter getrennt und in Kälberboxen oder sogenannten Kälberiglus untergebracht. Wird das Kalb sofort nach der Geburt von der Mutter getrennt, ist die Bindung der beiden noch nicht so stark, und die Trennung verläuft daher noch relativ einfach. In vielen Betrieben werden Kuh und Kalb allerdings erst nach mehreren Tagen getrennt, wenn die Bindung zwischen beiden Tieren schon sehr stark ist. Bereits in den ersten drei Stunden nach der Geburt wird die Mutter auf ihr Kalb geprägt, und in den folgenden Stunden und Tagen lernen beide, sich gegenseitig an Stimme und Geruch zu erkennen. Werden Kuh und Kalb erst getrennt, nachdem ihre Bindung derart gefestigt wurde, ist der Trennungsschmerz sehr groß, und beide Tiere rufen noch lange Zeit nach einander.

Die darauf folgende Einzelhaltung des Kalbes in Kälberiglus oder -boxen ist bis zu einem Alter von acht Wochen gesetzlich erlaubt. Die Fütterung erfolgt aus einem Tränkeeimer, in dem sich die Milch der Mutter oder Milchaustauscher befindet. So kann die Milchkuh ohne Probleme gemolken und eine maximale Menge an Milch gewonnen werden. Für die Kälber beginnt mit der zweimonatigen „Einzelhaft“ Kaelber_Mariocopa/pixelio.deBild: Mariocopa/pixelio.deein tristes und beengtes Dasein, da sie in den Kälberiglus kaum Sozialkontakte haben und andere Kälber meist nur durch die Gitter hindurch sehen können. Auch dem Bewegungsdrang der Jungtiere wird in den engen Behältnissen kaum Rechnung getragen. Nach maximal acht Wochen werden die Kälber in Gruppen zusammengeführt. Durch die mutterlose Aufzucht hervorgerufene Verhaltensstörungen werden schon früh sichtbar. Die mithilfe von Tränkeeimern gesäugten Kälber können ihr Saugbedürfnis nie ausreichend befriedigen und besaugen deshalb häufig andere Kälber oder auch Teile der Stalleinrichtung. Um das gegenseitige Besaugen und damit verbundene Verletzungen zu verhindern, ziehen einige Landwirte den Kälbern mit Stacheln besetzte Ringe durch die Nase, die Schmerzen verursachen und die Tiere so von weiteren Saugversuchen abhalten.

Dies ist nur ein Beispiel der Probleme, die durch mutterlose Aufzucht und konventionelle Milchkuhhaltung entstehen können. Um einen Milchviehbetrieb wirtschaftlich zu gestalten, sehen sich Landwirte oft gezwungen, Abstriche zu machen, die leider immer auf Kosten der Milchkühe gehen. Doch muss man tatsächlich akzeptieren, dass die Kuh zum Produktionsfaktor verkommt, der sich den Erfordernissen des Marktes anzupassen hat? Die Antwort auf diese Frage liegt– wie immer – nicht nur bei den Landwirten, sondern letztlich beim Verbraucher.

Kalb_Péronne vd Ham/pixelio.deBild: Péronne vd Ham/pixelio.de

 

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