Qualzuchten bei Haustieren

M. Großmann  pixelio.deBild: M. Großmann/pixelio.deGrößere Augen, kleinere Schnauzen oder kürzere Beine, alles kein Problem mehr dank der Zucht, die unsere Heimtiere immer mehr modifiziert, damit diese auch ja zur neuen Handtasche des Besitzers passen. Tiere werden immer stärker zum Accessoire und unterliegen bestimmten Modetrends. Insbesondere bei Hunden und Katzen sind die Züchtungen in Extreme ausgeartet, die, auch wenn die Schönheit eines Tieres subjektiv ist, doch sehr fragwürdig sind. Da viele Menschen ihre Tiere leider immer mehr nach dem Aussehen statt nach dem Charakter aussuchen, wird die Zucht solcher Rassen weiter gefördert. Als Beispiel lassen sich gerade Moderassen wie die französische Bulldogge, der Mops oder der Chihuahua nennen. Auch wenn viele Menschen diese für niedlich halten, so kann man beim Mops doch sehr schnell anhand seiner Atemgeräusche hören, dass die vermeintlich schönere Ästhetik der Funktionalität vorgezogen wurde. Für die Tiere bedeutet diese Entscheidung ein Leben voller Leid, sodass man von Qualzucht sprechen muss.

Qualzucht oder natürliche Mutation?

Viele Züchter und Liebhaber bestimmter Rassen wollen nichts von Qualzucht hören, sondern argumentieren, dass die jeweiligen Merkmale durch spontane natürliche Mutationen aufgetreten sind und nicht durch extreme Zucht des Menschen. Es ist an sich auch richtig, dass Mutationen in der Natur spontan auftreten und so Evolution überhaupt stattfinden konnte und kann. Jedoch wird dabei die Tatsache vergessen, dass in der Natur normalerweise Mutationen, die sich als nachteilig herausstellen, sich nicht durchsetzen und ausselektiert werden. Durch die Domestikation unserer Heimtiere funktioniert die natürliche Selektion nicht mehr, sodass auch nachteilige Mutationen weiterhin existieren können. Werden diese dann weiter gezüchtet und verstärkt, entstehen Rassen, die auf natürliche Weise niemals entstehen würden. Die Konsequenzen davon sind unterschiedlich stark ausgeprägte Benachteiligungen für das jeweilige Tier, sodass in vielen Fällen eine Qualzucht vorliegt.


Formen der Qualzucht

Qualzuchten lassen sich in den verschiedensten Ausprägungen bei allen Heimtieren finden, vom Meerschweinchen über Vögel bis zu Katzen und Hunden, wobei Hunde am häufigsten betroffen sind. Häufige und schwerwiegende Formen der Qualzucht sind nachfolgend aufgeführt und die Folgen für die Tiere beschrieben. 

Zwerg- und Riesenwuchs

Nicole Celik pixelio.deBild: Nicole Celik/pixelio.deInsbesondere bei Hunden ist die Züchtung auf extreme Größen festzustellen. Während die kleinsten Hunde eine Größe von 20 cm bei einem Gewicht von 1,5 kg aufweisen, sind die größten Hunde bis zu einem Meter groß und bis zu 110 kg schwer. Ist das Wachstum dabei proportional, stellt die Züchtung weniger Probleme dar, ist das Wachstum jedoch unproportioniert, sodass bestimmte Organe oder Extremitäten weniger oder mehr wachsen, ist es zumeist mit krankhaften Prozessen verbunden.

Gerade bei den sehr großen und schweren Hunderassen, wie zum Beispiel dem Deutschen Schäferhund, der Deutschen Dogge und dem Bernhardiner, tritt vermehrt eine erbliche Hüftgelenksdysplasie auf, die nicht heilbar ist. Die Folgen sind Lahmheiten, Arthrose und Beschwerden in den Gelenken. Oft muss eine Hüftgelenksdysplasie operativ behandelt werden, um die Schmerzen zu lindern.

Kurzköpfigkeit

Die Züchtung auf Kurzköpfigkeit, auch Brachyzephalie genannt, ist bei vielen Hunderassen, wie den Bulldoggen, dem Mops oder dem Boxer, zu sehen. Jedoch auch bei Katzen, wie der Perserkatzen oder der britisch Kurzhaar, ist diese Zuchtform zu finden. Die Tiere sollen dadurch niedlicher aussehen. Die Folgen dieser Züchtung sind Fehlbildungen des Kiefers und des Gebisses, oftmals treten Vorbisse auf und daraus folgend eine Unterentwicklung der Kaumuskulatur. Die Verengung der Atemwege ist jedoch zumeist die problematischste Folge dieser Züchtung. Oft ist die Verengung so schlimm, dass Operationen notwendig werden, da die Tiere sonst ersticken können.

Haarlosigkeit

Auf Haarlosigkeit, die vor tausenden von Jahren durch eine Genmutation entstand, wird bei immer mehr Heimtierrassen gezüchtet. Neben den bekannten Nackthunden und Katzen gibt es mittlerweile sogar Nacktmeerschweinchen. Doch während die Züchter dieser Rassen die Haarlosigkeit schön finden, ist es in Wirklichkeit Tierquälerei. Denn diese Tiere leiden unter der beeinträchtigten Wärmeregulation, die zumeist auch noch in Verbindung mit Immundefekten eintritt. Da die Haut keinerlei Schutz hat, sind diese Tiere sehr anfällig für Sonnenbrand, Allergien oder Verletzungen. Bei manchen Nacktkatzenrassen fehlen sogar die Tasthaare, die ein wesentliches Sinnesorgan zur Orientierung der Katze sind. Da die Folgen von Haarlosigkeit so weitreichend sind, rät ein Qualzucht-Gutachten, das vom Bundesministerium für Landwirtschaft in Auftrag gegeben wurde, zu einem Verbot dieses Zuchtmerkmals.

Merle-Faktor

uschi dreiucker    pixelio.deBild: uschi dreiucker/pixelio.deDer Merle-Faktor ist auf einen Gendefekt zurückzuführen, der für die Fellscheckung und Depigmentierung bei vielen Hunderassen verantwortlich ist. Um immer interessantere Fellzeichnungen zu erhalten, vor allem die Tigerung des Fells, wird extra mit diesem Gen gezüchtet. Insbesondere bei Collies und Deutschen Doggen sind diese Fellfärbungen zu finden und mittlerweile sogar in die Rassestandards aufgenommen worden. Dabei werden, vorallem bei stark unpigmentierten Tieren, schwere Folgen wie Missbildungen des Auges und des Innenohrs, die zur völligen Taubblindheit führen können, hingenommen. Die Zucht mit zwei Trägern des Merle-Faktors ist daher aus Sicht des Tierschutzes verwerflich, da diese schlimmen Folgen für einzelne Tiere nur aus ästhetischen Gründen in Kauf genommen werden.


Gesetzlicher Hintergrund

Qualzuchten sind nach §11b des deutschen Tierschutzgesetzes verboten. Für Heimtiere gibt es, im Gegensatz zu Nutztieren, ein Gutachten zur Auslegung dieses Paragraphen. In diesem Gutachten werden bestimmte Merkmale aufgeführt, deren Zucht dazu führt, dass Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten. Dadurch sollte die Überprüfung und Ahndung von Qualzuchten für Behörden und Amtstierärzte erleichtert werden. Jedoch ist die Umsetzung des Paragraphen trotz des Gutachtens kaum vorhanden, wenige Verbote und zumeist nur in Einzelfällen werden erlassen.

Dringend nötige Veränderungen

Um unsere Heimtiere effektiv gegen Qualzucht schützen zu können, ist eine Konkretisierung des §11b des Tierschutzgesetzes notwendig. Eine klare und umsetzbare Definition des Begriffes Qualzucht ist nötig, ebenso wie verbindliche Verordnungen, die konsequent von den zuständigen Behörden umgesetzt werden müssen. Zudem muss eine Aktualisierung des Gutachtens, welches aus dem Jahr 1999 stammt, erfolgen, damit auch neumodische Züchtungen wie Nacktmeerschweinchen enthalten sind. Neben der Qualzucht selbst, sollten auch die Haltung und der Verkauf von Qualzuchten verboten werden, da sich sonst bei einer konsequenten Umsetzung des Qualzuchtverbotes in Deutschland die Zucht wahrscheinlich einfach in Ausland verlagern würde. Außerdem muss ein Umdenken bei den Verbänden stattfinden: Rassestandards, die zu Qualzuchten führen müssen geändert oder ganz abgeschafft werden. Es kann nicht das Ziel eines Verbandes sein, bestimmte Rassen regelrecht krank zu züchten. Das Tierwohl muss bei der Züchtung Priorität haben.


Neue Designerhunde als vermeintliche Lösung

Auch wenn sie bei Züchtern eigentlich ungern gesehen sind, so sind in letzter Zeit immer mehr neue Designerhunde auf den Markt gekommen, die durch Kreuzungen von zwei verschiedenen Rassen entstanden sind. Diese erhalten dann Namen wie Puggle (Mops und Beagel), Labradoodle (Labrador-Retriever und Pudel), Schoodel (Schauzer und Pudel) oder Retromops (Mops und Jack-Russell-Terrier). Sie sollen neben bestimmten Eigenschaften auch den Vorteil haben, dass sie problematische Merkmale weniger stark ausgeprägt besitzen. Beim Retromops soll beispielsweise die Schnauze etwas länger sein, damit die Hunde wieder besser atmen können. Natürlich sind diese neuen Designerhunde nicht die Lösung der Qualzucht, da auch dieser Trend einen solch neuartigen Hund zu besitzen sicher wieder abebben wird. Und letztendlich sind diese Hunde sowieso nichts anderes als Mischlinge, sodass sie für echte Rasseliebhaber ohnehin keine Alternative darstellen.


Setzen Sie ein Zeichen gegen Qualzucht

Geben Sie Qualzuchten keine Chance! Kaufen Sie deshalb keine Rassetiere aus Qualzucht und klären Sie auch ihren Bekanntenkreis über die Problematik auf. Ein neues Haustier muss nicht zu einer bestimmten Rasse gehören und man sollte es erst recht nicht kaufen, weil diese Rasse gerade Trend ist. Es gibt so viele wunderbare Tiere im Tierheim oder bei Tierschutzorganisationen, die sich über ein schönes Zuhause sehr freuen würden. Also, wenn Sie überlegen sich ein neues Haustier zuzulegen, dann schauen Sie dort vorbei, denn so unterstützen Sie nicht die Qualzucht, sondern setzen ein Zeichen gegen das Leiden von Tieren.

 

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