Leishmaniose

Wer aufmerksam die Orient-Bände Karl Mays gelesen hat, der kennt sie schon seit Kindheitstagen: die Leishmaniose. Sir David Lindsay, so nannte May eine etwas schrullige Romanfigur, litt unter einer sog. ‚Aleppo-Beule’. Die blühte für jeden sichtbar auf der Nase des wackeren Briten. Diese unfreiwillig komisch wirkende Hauterkrankung wird verursacht durch Leishmania tropica, die – soviel glaubt man heute zu wissen – experimentell auf den Hund übertragbar ist, aber bislang lediglich im Vorderen Orient bis Mittel- und Nordindien von Bedeutung ist. Ähnlich dieser Wucherung wachsen derzeit in und um das Internet herum die wildesten Gerüchte. Droht Deutschland nach AIDS, BSE und den ‚Kampfhunden’ eine neue Seuche? Sind es diesmal unsere Kinder, die es als erstes dahinraffen wird? Stoppen wir nicht den Zugang südländischer Hunde in unsere Wohnzimmer?
Die Rede ist von einer anderen Leishmanienart, Leishmania infantum. Sie wird in älteren Lehrbüchern anschaulich als der Erreger der Hundeleishmaniose (HL) bezeichnet und findet sich südlich des 45. Breitengrads in allen Anrainerstaaten des Mittelmeers bis hin nach China. Sie verursacht neben wuchernden Hauterkrankungen ähnlich der Aleppo-Beule auch Organerkrankungen und steht im Verdacht, auf dem Weg über den Hund einen Seuchenzug gen Norden anzutreten.

Wer sind denn nun diese Leishmanien?

Leishmanien sind quasi Relikte der Urzeit. Es sind Einzeller (Protozoen), die sich durch den Besitz von Geißeln (Flagellaten) auszeichnen, mit denen sie sich bewegen und Nahrung hereinstrudeln können. Flagellaten können auf sich selbst gestellt als Teil des Plankton die Ernährung von so manchem Meeres- und Süßwasserbewohner sicherstellen. Sie waren erdgeschichtlich aber auch dazu in der Lage, sich eine parasitäre Lebensweise anzueignen, die sie noch heute auf Kosten anderer Lebewesen leben lässt. Zur letztgenannten Gruppe gehören die Leishmanien.
Sie schmarotzen in Körperzellen der Säugetiere und lassen den unfreiwilligen Wirtsorganismus unter ihrer Besiedlung mehr oder weniger deutlich sichtbar erkranken.
Je nach Hauptansiedlungsort äußert sich der Befall mit Leishmanien-Einzellern speziell an der Haut als juckender Haarausfall mit fettiger, kreideweißer Schuppenbildung oder als den Gesamtorganismus schwächende Allgemeinerkrankungen mit Abmagerung und Fieberschüben. Die Krankheitsformen der Leishmaniose unterscheiden sich häufig sogar nach ihrer jeweiligen geographischen Verbreitung. Da es eine Unzahl anderer Erkrankungen gibt, die mit einem ähnlichen Krankheitsbild einhergehen, ist es wichtig, die Herkunft eines dieser Symptome zeigenden Hundes zu kennen.

Wie ansteckend ist die Leishmaniose tatsächlich?

Tatsache ist, dass fast die Hälfte aller in Griechenland, Italien, Südfrankreich, Spanien und Portugal untersuchten Hunde nachweisbar eine Infektion mit Leishmanien durchlaufen hat.
Diese Aussage ist auf dem Umweg über den labortechnischen Nachweis der körpereigenen Antwort auf eine solche Infektion, die sog. Serumantikörper, möglich. Serumantikörper aber, und das wird häufig verwechselt, sind grundsätzlich noch kein Indiz dafür, dass ihr Träger tatsächlich noch erkrankt ist und die Krankheit noch weitergeben kann. Stattdessen können sie – was wahrscheinlicher ist – das Ergebnis einer erfolgreich abgeschlossenen Erkrankung sein. Erfolgreich hieße in diesem Zusammenhang sogar, dass der Erreger im Körper isoliert und unschädlich gemacht wurde und der Gesamtorganismus in Zukunft gegen eine Neuinfektion weitestgehend geschützt wäre.
So ist es denn auch zu erklären, dass trotz der großen Anzahl der Serumantikörper-Träger in den Hundepopulationen,

- die Leishmaniose des Menschen ausgesprochen selten ist und

- ein großer Teil der infizierten Hunde klinisch gesund ist und eben nicht die o. g. Krankheitsbilder zeigt.

Um von einem Wirtsorganismus zum nächsten Wirtsorganismus zu gelangen, bedienen sich die Leishmanien einer bestimmten Insektenart: der weiblichen Schmetterlingsmücke. Diese saugen in der Dämmerung und Nacht das Blut von Säugetieren nach dem Grundsatz: Je kürzer die Haare desto lieber. Im Gegensatz zu Zecken, die längeres Haar bei dem Wirtstier ihrer Wahl bevorzugen, fliegen Mücken ihre Opfer am liebsten auf dem direkten Weg an.
Saugt die Mücke nun Blut und ihr Opfer hat frei im Blut kursierende Leishmanien aufzuweisen, so werden diese mitaufgenommen und haben dann im Darm des Insekts die Möglichkeit, sich so weiterzuentwickeln, dass sie bei einer der nächsten Stechaktionen wieder in die Blutbahnen eines neuen Wirtsorganismus hinausbefördert werden.

Die Übertragung von Leishmanien ist also:

- von der übertragenden Stechmücke,

- von freien Erregern im Blut des gestochenen Tieres,

- vom Faktor Umwelt, der eine Weiterentwicklung im Darm der Mücke ermöglicht und

- von einem geeigneten Wirtstier, auf das die Erreger übertragen werden können, abhängig.

Bevor aber die auf diese Art übertragenen Krankheitserreger beim neuen Wirt tatsächlich eine Erkrankung verursachen können, gilt es noch, dessen Immunsystem zu überwinden.
Denn selbst ohne Erfahrung mit dem Krankheitserreger (s. o. Serumantikörper), hat ein gesunder Körper eine große Chance, eine Infektion mit Leishmanien abzuwehren.
Es gilt die Faustregel: Bei weitem nicht jeder Kontakt mit einem Infektionserreger führt zu einer Infektionserkrankung.

Dieser Satz gilt in seiner Absolutheit so jedoch nicht

- bei Kleinkindern, bei denen sich das Immunsystem noch nicht genügend hat ausbilden können,

- bei Menschen, deren Immunsystem bereits durch andere Erkrankungen und/oder Medikamente vorbelastet oder sogar geschädigt worden ist und

- bei künstlichen Infektionen, bei denen zumeist unter Laborbedingungen Verhältnisse geschaffen werden, die den alltäglichen Umweltbedingungen nicht vergleichbar sind.

Die in den ans Mittelmeer angrenzenden Ländern beschriebenen Fälle von Leishmaniose werden deshalb entweder als Kinderkrankheit (Kalaazar infantil) oder als typische Erkrankung von HIV-Patienten beobachtet.
Untersuchungen über Leishmaniose-Erkrankungen ohne Beteiligung von Stechinsekten, z. B. durch Injektion von Leishmanien enthaltendem, labortechnisch aufbereitetem Hautmaterial in die Blutbahn von Versuchstieren, geben zwar verwendbare Hinweise auf die Infektionswege und Infektiösität des Erregers, geben aber nicht die natürlichen Bedingungen wieder, unter denen die Infektion abläuft.

Wie sind die Bedingungen für eine Leishmaniose-Infektion innerhalb Deutschlands?

Bevor ich diese Frage zu beantworten versuche, erlauben Sie mir zunächst den Hinweis darauf, dass ohne Bedenken selbst die genannten Risikogruppen Jahr für Jahr in Leishmaniose-endemische Gebiete reisen ohne sich im speziellen die Gedanken zu machen, was passieren könnte, wenn

- sich tatsächlich ein Mensch am Stich einer Mücke im Urlaubsland selbst infiziert und

- anschließend in ein Gebiet innerhalb Deutschlands zurückkehrt, in dem Sandmücken nachgewiesen wurden,

- um anschließend evtl. selbst zum Erregerpotential für nachfolgende Infektionen zu werden.

Sandmücken sind mittlerweile vielerorts in Baden-Würtemberg und dem südlichen Rheinland-Pfalz gefangen worden. Die Frage, ob sie Leishmaniose-Erreger beherbergten wurde nicht untersucht. Der erste und bisher einzige bekannt gewordene Fall einer vermutlich in Deutschland erworbenen Leishmaniose war ein Kind aus Aachen, das sich – so wird vermutet – bei einem Kurzurlaub in Füssen infiziert hat (Bogdan et al., 2001).
Ob dieser bedauerliche Einzelfall schon allein als Hinweis darauf gewertet werden darf, dass sich die Ausbreitung der Sandmücke in Kombination mit dem Leishmaniose-Risiko tatsächlich auf Grund der zunehmenden Erwärmung nordwärts schiebt ist fraglich.
Ob tatsächlich ein Hund oder ein anderer x-beliebiger Säuger Erregerreservoir war oder nicht kann ebenfalls nicht einem Nachweis zugeführt werden.
Ebenso wahrscheinlich könnte schließlich eine auf Irrwegen in einem fliegenden oder fahrenden Verkehrsmittel aus Richtung Süden mitgeführte infektionsfähige Mücke als Verursacher angenommen werden.
Tatsache ist jedenfalls, dass es erfahrungsgemäß (vgl. 1-4, Übertragung von L.) bei einer von belebten Vektoren abhängigen Erkrankung mehr braucht als nur eines Erregerreservoirs und einiger versprengter, in Rückzugsgebieten lebender beflügelter Überträger, um selbige zur ernsten Bedrohung werden zu lassen.

Fazit

In dem Maße, in dem es angezeigt erscheint, Maßnahmen gegen die Leishmaniose nicht an der Höhe von Serumantikörpern festzumachen, sondern am klinischen Bild des Einzeltieres und an einem positiven Erregernachweis in Kombination mit einer Bestimmung von Blutwerten (Gammaglobulinwerte u. a.) zu orientieren, erscheint es auch ratsam, die ganze Problematik aus der Sicht eines ganzheitlichen Tierschutzes zu betrachten.
Tierschutz in südlichen Ländern ist immer ein selektiver. Nichts und niemand ist derzeit dazu in der Lage, allen Tiere, die unsere Hilfe brauchen, in Länder zu verbringen, die Tieren lebenswertere Bedingungen bieten könnten.
Tierschutz ist nur solange sinnvoll, wie sich Menschen finden, die diese Bedingungen zu schaffen bereit sind und zu diesem Zweck Einzeltiere in ihren Hausstand aufnehmen.
Chronisch kranke Tiere mit geringer Aussicht auf Heilung lähmen zumal dann auf Dauer gesehen die Bereitschaft bei Adoptionswilligen, wenn bei Übergabe des Tieres zunächst von einem gesunden Tier ausgegangen wird. Wer jemals die langwierigen, kostspieligen und von Rückschlägen begleiteten Therapien von leishmaniosekranken Hunden miterlebt hat weiß, wovon ich rede. Das erreichbare Optimum ist lediglich eine klinische Heilung. Eine Eliminierung der Erreger ist unmöglich. Blutkontrollen in regelmäßigen Abständen und immer wiederkehrende nierenschützende Therapiemaßnahmen sind lebenslang notwendig.

- Wie könnte aus tierärztlicher Sicht eine Leishmaniose-Prävention aussehen?

- Ist es organisatorisch nicht möglich, bereits allgemein- und blutvoruntersuchte Hunde auf den Weg zu bringen, so sollte entsprechend geschultes Personal bereits im Herkunftsland zumindest untersuchen können, welche Tiere offensichtlich frei von äußeren Leishmaniose-Merkmalen sind. Diese werden den Tierschutzorganisationen zum Transport übergeben, unter der Maßgabe, dass

- nach Ankunft und vor Abgabe an den Endbesitzer jeweils eine Blutprobe zwecks Ermittlung des Serum-Antikörper-Titers (AK) entnommen wird und jeweils eine ausführliche Allgemeinuntersuchung durch einen Tierarzt erfolgt. Bei bereits blutvoruntersuchten Tieren kann nach Maßgabe auf eine der beiden AKs verzichtet werden.

- Ist schon der erste AK erhöht, sollte als Methode der Wahl eine Punktatentnahme aus einem Lymphknoten der Hinterschenkel (Lymphonodus popliteus) bzw. dessen operative Entnahme mit anschließender Untersuchung in einem spezialisierten Labor erfolgen. Dasselbe gilt auch für den Fall, dass der erste AK normal und der zweite erst erhöht sein sollte.

- Denn nur ein zum Zeitpunkt der Abgabe negatives Ergebnis aus dem direkten Erregernachweis aus (2) führt zu einer Freigabe des Tieres in einen Privathaushalt.

- Tiere, die nachweislich infektiös sind, werden:
- entweder isoliert und zumindest solange behandelt wie vor allem die Gammaglobulinwerte erhöht sind
- oder unter entsprechenden Maßgaben und ausführlicher Information über Bild und Verlauf der  Erkrankung an einen interessierten Hundehalter abgegeben.

- Hunde aus (5) werden jedoch ausschließlich in solche Haushalte abgegeben, die kinderlos sind und in denen niemand lebt, der an immunsuppressiven Erkrankungen leidet oder von entsprechenden Medikamenten abhängig ist (schriftliche Erklärung).
Mit der öffentlichen Diskussion eines solchen Leishmaniose-Managements wäre der Tierschutz auf der Basis derzeitiger wissenschaftlicher Erkenntnisse auf der sicheren Seite und ersparte sich zukünftig einen Großteil der Vorwürfe Übervorsichtiger.

Dr. med. vet. Wilfried Brach

 

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